Das Interview im Blauen Band
Ein Mittagessen mit ... Sven Marquardt
Sven Marquardt zählt ohne Frage zu den bekannten Gesichtern der Stadt. Die meisten werden ihn als Türsteher des Berghain Clubs kennen. Doch momentan beschäftigt ihn seine Arbeit als Fotograf mehr denn je.
Sein respekteinflößendes Erscheinungsbild hat ihm in Berlin das Image des härtesten Türstehers der Stadt eingebracht. Dabei lächelt der großzügig tätowierte Urberliner auch gerne und ist sogar ein wenig besorgt, sich im Eisregen einen Schnupfen geholt zu haben. Hustenbonbons helfen ihm dabei, seine "Marquardt-Geschichten", wie er sie selbst nennt, zu erzählen. Gestern war er zur Premiere von "Ein Traum in Erdbeerfolie" im Kino International eingeladen. Ein Dokumentarfilm von Marco Wilms, der die Parallelwelt der Mode- und Überlebenskünstler in Ostberlin skizziert. "Der Titel rührt daher, dass Erdbeer-Abdeckfolien von den Feldern zum Schneidern von Mode verwendet wurden", erklärt er. Der heute 47-Jährige war in der DDR als Fotograf für das Modemagazin "Sybille" tätig und tritt deshalb im Film selbst als Zeitzeuge auf. Beim Essen erinnert er sich noch einmal an seine Zeit als Punk in Ostberlin und wie er von der Volkspolizei vom Alexanderplatz geprügelt wurde. Damals hatte er sogar Platzverbot im Bezirk Mitte, da, wo wir heute sitzen und gemeinsam Pasta essen. Hier im Blauen Band ist er nämlich Stammgast.
Er schätzt seine festen Plätze und bleibt bescheiden. Briefe schreibt er noch am liebsten mit der Hand, eine E-Mail-Adresse hat er nicht. "Ich bin auch nicht der Typ, der viel um die Welt reist. Meine Kollegen sagen immer, ich soll Urlaub machen, aber meine freie Zeit investiere ich am liebsten in Fotoprojekte." Unter der Woche arbeitet er nebenan im Tätowierstudio "Blut und Eisen". Als Modefotograf hat er sich nie wirklich gesehen, eher als Fotokünstler. Aktuell ist von ihm eine Ausstellung in der Merry Karnowsky Gallery in der Torstraße bis zum 7.3. zu sehen. Hier zeigt er eine retrospektive Auswahl seiner fotografischen Serien von damals bis heute. "Ich hatte den Eindruck, dass ich mit meinen Fotos jetzt noch mal was sagen kann." Es sind die Geschichten von Menschen und Orten, die ihn so faszinieren. Die Suche danach treibt ihn zunehmend in den Westen der Stadt. "Hier im Osten ist der Charme zu großen Teilen überschminkt." Seiner Meinung nach hat das Berghain es aber geschafft, seine Ursprünglichkeit zu konservieren. Dort stellt er gerade ein übergroßes Triptychon aus und ist froh, dass die Clubbetreiber ihn auch als Fotograf in seiner Arbeit unterstützen." Deshalb fühlt er sich dort irgendwie auch zu Hause. Auf die Frage, wie er wohnt, antwortet er: "Sonnig, hell und mit einer kleinen Terrasse, aber es gibt auch dunkle Ecken." Das Kokettieren mit der dunklen Seite ist ihm und seiner Kunst sichtbar eigen. Über den Teufel sagt er, das sei "nur ein Zustand". Trotzdem traue ich mich nicht, ihm die Physalisfrucht vom Glasrand zu stibitzen.
Tobias Hagelstein schlägt sich als Partyredakteur die Nächte um die Ohren, geht aber auch gerne in Ausstellungen. Mit Sven Marquardt war er Mittagessen im: Blaues Band, Alte Schönhauser 7, Mitte, Mo-Do 9.30-1 Uhr, Fr-Sa 9.30-2 Uhr, So 9.30-1 Uhr, blauesband.com
Hervorragendes Katerfrühstück für die Mitte-Kinder gibt es im Blauen Band. ...mehr







